Gute Führung braucht mich nicht
Wie sich mein Blick auf fachliche Führung verändert hat – von formalen Rollen hin zu Klarheit, verteilter Verantwortung und echter Befähigung.

Vor Kurzem kam ein Kollege mit drei möglichen Lösungen auf mich zu. Alle drei waren fachlich vertretbar. Trotzdem wollte er am Ende von mir wissen, welche davon er umsetzen sollte. Früher hätte ich wahrscheinlich einfach eine ausgewählt.
Diesmal habe ich ihn stattdessen gefragt: „Welche würdest du denn nehmen?“ Darauf hatte er eigentlich schon eine Antwort. Trotzdem dauerte es noch eine gute halbe Stunde, bis die Entscheidung wirklich bei ihm blieb.
Am Ende entschied er sich für die Lösung, die er von Anfang an bevorzugt hatte. Es war nicht die Lösung, die ich gewählt hätte. Aber sie war in Ordnung. Und genau das war für mich der entscheidende Punkt:
Wenn ich eine Entscheidung abgebe, kann das Ergebnis nicht nur dann richtig sein, wenn es meiner eigenen Entscheidung entspricht.
Ich habe längst geführt, ohne es zu merken
Dass ich in solchen Situationen fachlich führe, war mir lange gar nicht bewusst.
Führung war für mich vor allem eine formale Rolle. Teamleiter, Abteilungsleiter und andere Menschen mit disziplinarischer Verantwortung. Menschen anleiten, den Überblick behalten und am Ende auch die Entscheidungen treffen.
Rückblickend habe ich aber wahrscheinlich schon vor ein paar Jahren angefangen, fachlich zu führen. In Projekten, bei Softwarethemen, im Verein und inzwischen besonders beim Thema KI. Kollegen kommen mit Fragen auf mich zu, möchten meine Einschätzung hören oder suchen Orientierung.
Wirklich aufgefallen ist mir das erst während eines Entwicklungsprogramms zum Thema fachliche Führung. Dort habe ich langsam verstanden, dass Führung nicht erst mit einem Titel beginnt.
Vielleicht beginnt sie schon in dem Moment, in dem andere einem zutrauen, gemeinsam eine Richtung zu finden.
Fachliche Führung beginnt für mich mit Orientierung
Wenn Kollegen mit einer fachlichen Frage auf mich zukommen, könnte ich ihnen einfach sagen, was ich an ihrer Stelle tun würde. Schließlich fragen sie mich meistens, weil sie mir in diesem Bereich eine gewisse Erfahrung zutrauen.
Natürlich gebe ich weiterhin meine Einschätzung ab. Aber inzwischen versuche ich häufiger, die Frage erst einmal zurückzugeben:
Was würdest du denn tun?
Das heißt nicht, dass ich mich aus der Verantwortung ziehe oder mein Wissen für mich behalte. Wir schauen uns das Problem gemeinsam an. Ich teile meine Erfahrungen, weise auf mögliche Probleme hin und ergänze den Kontext, der vielleicht noch fehlt.
Aber ich möchte nicht automatisch die Person sein, bei der am Ende jede Entscheidung hängen bleibt.
Das gilt auch für Wissen. Wenn ein Kollege etwas Neues gelernt hat, finde ich es wichtig, dass dieses Wissen nicht nur zwischen uns beiden bleibt. Im besten Fall kann er danach nicht nur selbstständig mit dem Thema weiterarbeiten, sondern auch anderen Kollegen dabei helfen.
Fachliche Führung bedeutet für mich deshalb nicht, möglichst viele Antworten zu geben. Es geht eher darum, ein gemeinsames Bild zu schaffen, auf dessen Grundlage andere selbst weiterarbeiten und entscheiden können.
Eine Entscheidung darf auch anders ausfallen
Genau deshalb war die Entscheidung meines Kollegen für mich so interessant.
Wenn ich ihm die Entscheidung überlasse, kann ich sie nicht anschließend wieder an mich ziehen, nur weil ich eine andere Lösung bevorzugt hätte. Sonst habe ich die Entscheidung nicht wirklich abgegeben. Ich habe ihn lediglich so lange entscheiden lassen, bis mir das Ergebnis nicht mehr gefällt.
Das klingt eigentlich ziemlich offensichtlich. In der Praxis finde ich es trotzdem gar nicht so einfach.
Eine Aufgabe zu delegieren bedeutet schließlich nicht nur, zu sagen: „Mach mal.“ Die andere Person braucht ein klares Ziel, die notwendigen Informationen und die Befugnis, tatsächlich Entscheidungen zu treffen.
Dazu gehören auch die Grenzen. Wie viel Zeit steht zur Verfügung? Welcher Umfang ist noch in Ordnung? Welche Kosten dürfen entstehen? Und welche Auswirkungen auf das Team wären nicht mehr vertretbar?
Wenn ich diese Grenzen kenne, muss ich sie vorher benennen. Innerhalb dieses Rahmens muss die Entscheidung dann aber auch wirklich der anderen Person gehören.
Dabei hilft mir die Unterscheidung zwischen Responsibility und Accountability.
Wenn ich selbst einen Auftrag erhalten habe, bleibt die Accountability für das Ergebnis bei mir. Ich kann Teile der Responsibility delegieren – also die Umsetzung und konkrete Entscheidungen innerhalb eines vereinbarten Rahmens. Gegenüber meiner Auftraggeberin oder meinem Auftraggeber stehe aber weiterhin ich für das Ergebnis ein.
Die Arbeit kann bei einer anderen Person liegen. Für das Ergebnis stehe ich gegenüber meiner Auftraggeberin oder meinem Auftraggeber trotzdem weiter ein.
Mich selbst überflüssig zu machen ist kein Bedeutungsverlust
Sich selbst überflüssig machen zu wollen, klingt im ersten Moment wahrscheinlich etwas merkwürdig. Warum sollte ich darauf hinarbeiten, dass man mich für ein Thema irgendwann nicht mehr braucht?
Für mich ist genau das inzwischen ein Zeichen dafür, dass fachliche Führung funktioniert.
Wenn Wissen dauerhaft nur bei mir liegt, jede Entscheidung über meinen Tisch läuft und ohne mich niemand so richtig weitermachen kann, dann bin ich vielleicht wichtig. Ich bin aber auch ein Flaschenhals.
Das kann sich eine Zeit lang ziemlich gut anfühlen. Schließlich kommen die Leute zu mir, fragen nach meiner Meinung und verlassen sich auf meine Erfahrung. Nachhaltig ist es allerdings nicht.
Ich möchte mein Wissen deshalb so weitergeben, dass andere nicht nur eine konkrete Aufgabe erledigen können. Im besten Fall können sie das Thema irgendwann selbst übernehmen, eigene Entscheidungen treffen und ihr Wissen wiederum an andere weitergeben.
Das bedeutet nicht, dass meine Erfahrung danach keinen Wert mehr hat. Es bedeutet nur, dass sie nicht mehr für jede einzelne Entscheidung gebraucht wird.
Und ehrlich gesagt empfinde ich das nicht als Bedeutungsverlust. Wenn jemand ein Thema selbstständig übernimmt, ist da vor allem Stolz und auch ein bisschen Entlastung. Denn während jemand anderes in diese Verantwortung hineinwächst, entsteht für mich wieder Raum für das nächste Problem, an dem ich selbst wachsen kann.
Verantwortung abgeben und aushalten
Eine Aufgabe abzugeben ist nur der erste Schritt. Die Verantwortung anschließend auch wirklich bei der anderen Person zu lassen, fällt mir manchmal deutlich schwerer.
Gerade wenn jemand mehrfach nachfragt oder bei einer Entscheidung unsicher wird, ist es verlockend, die Aufgabe einfach wieder selbst zu übernehmen. Das geht meistens schneller und fühlt sich im ersten Moment sogar hilfreich an.
Eigentlich erreiche ich damit aber das Gegenteil.
Wenn ich bei jeder Unsicherheit einspringe, lernt die andere Person vor allem, dass die Verantwortung am Ende doch wieder bei mir landet. Und ich werde erneut zu dem Flaschenhals, den ich eigentlich vermeiden möchte.
Verantwortung auszuhalten bedeutet für mich nicht, jemanden mit einer Aufgabe allein zu lassen. Ich kann weiterhin Fragen beantworten, Kontext ergänzen und beim Denken helfen. Ich sollte aber nicht automatisch wieder selbst entscheiden, nur weil es gerade einfacher wäre.
Ich muss auch aushalten können, dass jemand länger für eine Entscheidung braucht, zwischendurch unsicher ist oder am Ende zu einer anderen Lösung kommt als ich.
Gleichzeitig darf Delegation keine Ausrede sein, ein schlechtes Ergebnis vollständig der anderen Person zuzuschreiben. Bevor ich mangelnde Kompetenz unterstelle, sollte ich mir ein paar andere Fragen stellen:
Erst danach kann ich vernünftig beurteilen, ob das Problem tatsächlich bei der Person lag oder ob ich selbst keinen brauchbaren Rahmen geschaffen habe.
Ein Gedanke, der mir aus Hochleistung und Menschlichkeit von Frank Breckwoldt besonders geblieben ist: Leistung und ein menschlicher Umgang miteinander sind keine Gegensätze.
Menschlichkeit bedeutet für mich nicht, jede Unsicherheit oder Spannung sofort aufzulösen. Es kann genauso menschlich sein, klare Erwartungen zu formulieren, ehrliches Feedback zu geben und vereinbarte Grenzen auch einzuhalten.
Unfair wird es dann, wenn Erwartungen unklar waren, notwendige Befugnisse fehlten oder die Person gar nicht die Möglichkeit hatte, ein gutes Ergebnis zu erzielen – und ich ihr anschließend trotzdem mangelnde Kompetenz vorwerfe.
Heute bedeutet Führung für mich …
Wenn ich heute sage, dass ich fachlich führe, bedeutet das nicht, dass ich auf jede Frage die richtige Antwort kenne. Und auch nicht, dass ich am Ende jede Entscheidung treffen muss.
Es bedeutet für mich, Orientierung zu geben, wenn sie gebraucht wird. Wissen zu teilen. Einen Rahmen zu schaffen, in dem andere selbstständig arbeiten und entscheiden können. Und manchmal auch einfach ein Anker für Menschen zu sein, die sich in ein Thema einarbeiten möchten.
Dazu gehört weiterhin, Dinge vorzuleben. Der Unterschied ist für mich heute, dass andere nicht einfach nur meiner Richtung folgen sollen. Im besten Fall finden wir gemeinsam ein Ziel und schaffen genug Klarheit darüber, wie wir dorthin kommen wollen.
Ich merke aber auch, dass ich dabei noch lange nicht fertig bin.
Ich muss weiterhin lernen, Verantwortung wirklich bei anderen zu lassen. Nicht jede Unsicherheit sofort aufzulösen. Kritik erst einmal aufzunehmen, anstatt mich direkt zu rechtfertigen. Und auszuhalten, dass ein gutes Ergebnis nicht zwangsläufig genauso aussieht wie meine eigene Lösung.
Vielleicht ist genau das der größte Unterschied zu meinem früheren Verständnis von Führung: Ich messe sie nicht mehr daran, wie viel über meinen Tisch läuft.
Sondern daran, wie viel auch ohne mich funktioniert.
Nicht weniger Führung. Weniger Abhängigkeit.
Wenn ich mich für ein Thema überflüssig mache, verschwindet meine Verantwortung nicht einfach. Aber sie verändert sich. Aus eigener Umsetzung wird Orientierung. Aus Antworten werden Fragen. Und aus meinem Wissen wird hoffentlich irgendwann gemeinsames Wissen.
Vielleicht brauche ich dafür keinen Titel.
Vielleicht reicht es, Verantwortung dafür zu übernehmen, dass andere selbst Verantwortung übernehmen können.
